Keine Verbindung unter diesem Anschluss

tl;dr: Thunderbolt–DisplayPort-Kabel funktionieren am MacBook Pro 2017 nur mit der Betaversion von macOS 10.12.6. Der Apple-Support ist wie immer ahnungslos.

Als Apple im Herbst 2016 die lang erwartete neue MacBook-Pro-Generation vorstellte, stieß der Konzern auf gemischte Resonanz in der Fachpresse und den Kommentarspalten des Internets. Die nicht zeitgemäße Prozessorgeneration (Skylake statt Kaby Lake) wurde ebenso kritisiert wie die von vielen als überflüssig erachtete Touch Bar, der die F-Tasten-Reihe zum Opfer gefallen war. Viele professionelle Nutzer beklagten sich auch über die Arbeitsspeicherobergrenze von 16GB bzw. die generelle Nicht-Aufrüstbarkeit der Geräte. Doch die mit Abstand am emotionalsten diskutierte Neuerung war die ausschließliche Verwendung der Thunderbolt-3-Schnittstelle mit USB-C-Stecker.

Bei mir war es vor allem die Aussicht auf ein Gerät mit veralteter CPU, die mich davon abhielt, mich sofort für das 2016er-Modell zu entscheiden. Dass Apple die »neue« Schnittstelle mit dem USB-C-Port forcierte, fand ich von allen Übeln eigentlich noch am erträglichsten. Ja klar, ich würde Adapter für ungefährt alle Gerätschaften brauchen, die an den neuen Mac angeschlossen werden sollten, und ja klar, es würde genau keiner im Lieferumfang sein. Aber andererseits würden wir auch immer noch Videokassetten und parallele Schnittstellen verwenden, wenn nicht mal jemand DVDs verkauft und USB-Ports verbaut hätte. Außerdem war schon im Herbst letzten Jahres klar, dass auf dem Drittanbietermarkt recht bald preiswerte Verbindungskabel und Adapter erhältlich sein würden.

Long story short: Am 5. Juni stellte Apple das 2017er-Update der Macbook-Pro-Reihe vor, in der die aktuelle CPU-Generation von Intel verbaut war. Einen Monat später entschied ich mich zum Kauf eines nagelneuen 15″-Macbook Pro.

Ein Schnäppchen? Vermutlich funktioniert auch dieses Kabel – aber nicht mit macOS 10.12.5 auf einem MBP 2017. Foto: Hersteller

Da von Anfang an klar war, dass das Gerät auch als Desktop-Ersatz dienen würde, musste auf jeden Fall auch ein Adapter-Kabel für den Anschluss an meinen Monitor her. Der NEC SpectraView 271 hat zwei DVI-Schnittstellen und einen DisplayPort-Eingang. Auch über DisplayPort hatte man mir vor vielen Jahren mal erzählt, das sei jetzt die Monitor-Schnittstelle der Zukunft, da viel moderner als DVI. Heutige Consumer-Geräte haben trotzdem meistens HDMI, das seit Version 1.3 auch höhere Auflösungen als 1080p schafft. Doch aus dem Thunderbolt-3-Port des Macbook Pro kommt nativ DisplayPort raus – das steht so auch in den Technischen Daten bei Apple. Ein simples, mehr oder weniger passives Kabel würde es also tun.

Das TedGem DisplayPort Kabel USB Typ-C zu Kabel für (zu dem Zeitpunkt) 12,49€ tat es jedenfalls nicht. Der Monitor blieb dunkel, und der Mac zeigte kein zweites Display an. Sollte es Qualitätsunterschiede bei den Kabeln geben? Flugs war Kabel Nummer 1 retourniert und stattdessen ein Modell des Herstellers InfiniTools angeschafft (19,99€). Bei beiden Kabeln steht in der Beschreibung, sie seien kompatibel mit dem Macbook Pro 2016. Doch auch das zweite Kabel tat: nichts.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich beschloss, dem telefonischen Apple-Support eine Chance zu geben. Es war die überflüssigste Dreiviertelstunde meines Lebens. Sowohl der First-Level-Supporter als auch dessen »technischer Vorgesetzter«, ein gewisser Sebastian R., hatten arge Probleme, überhaupt das Problem zu verstehen. Mehrfach verwies man mich auf den USB-C-Digital-AV-Multiport-Adapter für 79€, einen der wenigen überhaupt von Apple hergestellten Adapter, aus dem aber auch bloß HDMI rauskommt. Zur Frage, warum mehrere Drittherstellerkabel nicht funktionierten, hatte man keine Erklärung und unternahm offenbar auch keine Anstrengungen, der Sache nachzugehen. Dafür, wie sollte es anders sein, bekam ich den Tipp, doch mal beim Hersteller des Monitors anzurufen. Muss ich noch erwähnen, dass die Firma NEC, die bei Profis in der Druck- und Designbranche für ihre guten, hardwarekalibrierbaren, dafür aber auch hochpreisigen Displays bekannt ist, den Mitarbeitern des Apple-Supports vollständig unbekannt war?

Bei NEC direkt konnte man mir indes auch nicht helfen. Allerdings verwies man mich an »die Kollegen von basICColor«. Die basICColor GmbH ist eine Firma, die Soft- und Hardware für Farbkalibrierung herstellt und mit der Verkabelung von Computern und Monitoren nun eigentlich so rein gar nichts zu tun hat. Was die Mitarbeiter des Unternehmens zu »Kollegen« des NEC-Supports macht, ist im Wesentlichen die von basICColor geschriebene Kalibriersoftware SpectraView Profiler, die bei den besseren NEC-Monitoren zum Lieferumfang gehört. Da in der Design- und Druckbranche allerdings viele Kollegen mit Macs arbeiten, ist das Know-How für derartige Konnektivitätsprobleme dort erwartungsgemäß recht hoch.

So richtig konnte mir der Mitarbeiter von basICColor direkt allerdings auch nicht helfen. Aber er erkundigte er sich im Haus bei Kollegen nach deren Erfahrungen mit den neuen Macbook Pros und rief mehrfach zurück. Er fragte nach den von mir getesteten Kabeln und empfahl mir schließlich ein Kabel, das bei Kollegen funktionierte.

Betatester wider Willen. Aber nun klappt alles. Screenshot: AppStore

Zwischenzeitlich hatte ich gewisse Zweifel, dass das Problem ursächlich mit den Kabeln zusammenhing, denn auch ein weiterer Adapter, ein USB-C-auf-DisplayPort-Buchse-Modell des Markenherstellers Club 3D (CAC-1507), funktionierte nicht. Ich bat eine Freundin, die sich im letzten Jahr ein Macbook Pro aus der 2016er-Modellreihe gekauft hatte, mit ihrem Computer vorbeizukommen. Und siehe da: Beide Adapter funktionierten sofort! (Den ersten hatte ich bereits zurückgeschickt.) Schließlich stieß ich im Forum von Club 3D auf den entscheidenden Hinweis: Obwohl sich das 2016er- und 2017er-Modell eigentlich kaum unterscheiden, gab es offenbar Probleme mit der DisplayPort-Unterstützung in der 2017er-Reihe.

Ein Hardwareproblem? Keinesfalls. Wie sich herausstellte, funktionieren die Adapter problemlos mit macOS 10.13 beta2 (aktuell ist 10.12.5). Und wie ich schließlich herausfand, behebt auch die Beta 5 des kommenden Minor-Release 10.12.6 (16G24b) das Problem. Um die Betaversionen installieren zu können, reicht es, sich für das Apple Beta Software-Programm anzumelden. Nachdem der Rechner dafür registriert ist, erscheint die 10.12.6 beta 5 im AppStore unter Updates. Wer will, kann natürlich auch gleich High Sierra (10.13) installieren. Ob die derzeit im öffentlichen Beta-Programm verfügbare Version das Problem löst, weiß ich allerdings nicht.

Warum ich um die Geschichte so einen riesigen Aufriss mache? Ganz einfach:

  • DisplayPort als Anschlussmöglichkeit steht bei Apple in den Technischen Daten. Es geht nicht, dass ein Hersteller dieses Kalibers ein Gerät auf den Markt bringt, bei dem so etwas simples wie das Anschließen eines Monitors einfach nicht funktioniert.
  • Das Problem ist Apple ganz offensichtlich bekannt, sonst wäre es nicht in der Betaversion von macOS gelöst. Dass der Second-Level-Support von Apple keinen Zugriff auf diese Information hat – oder nicht geschult ist, damit umzugehen – ist total daneben.

Aber es gibt auch noch etwas Positives, das ich hier loswerden möchte: Die zahlreichen Gespräche mit dem Mitarbeiter von basICColor waren sehr freundlich und fachkundig und von dem beiderseitigen Willen, sich zu unterstützen, geprägt. So wie in der guten alten Zeit™. Dafür an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank.

Materialien zur Kritik an einem der derzeit bekanntesten Satiriker Bremer Ursprungs

Sein Schmähgedicht, das find ich sowas von beschissen,
so stumpf und platt und irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
dass so ein Typ das schreibt. Dass wer den Mut

hat, heute noch so’n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, dass so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, dass so’n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und will es echt nicht wissen:
Ich find den Böhmermann so unheimlich beschissen.

(sehr gern nach Robert Gernhardt)

Silvester, der Mob und ein Aufruf an die Unanständigen

Obwohl ich eigentlich als diskursfreudiger Mensch bekannt bin, habe ich mich in den letzten Tagen sehr damit zurückgehalten, mich auf Facebook oder Twitter zum Thema Silvester in Köln zu äußern. Denn ich war nicht dabei, und selbst von denen, die dabei waren – Feiernde, Opfer (von was exakt auch immer) und Polizei – gibt es bekanntermaßen sehr widersprüchliche Aussagen, zu dem was dort passiert ist. Offenbar gab es sexuelle Übergriffe, vielleicht als aggressive Variante des »Antanztricks«, vielleicht auch unabhängig davon. Scheiße ist das auf jeden Fall. Die mutmaßlichen Täter sollen irgendwie aus einem »Mob« von rund tausend Menschen heraus agiert haben und überwiegend »nordafrikanisch« oder »arabisch« ausgesehen haben. Angeblich hätten sich zahlreiche (oder wahlweise und eher unglaubwürdig: alle) von der Polizei kontrollierten Personen mit Papieren des Bundesamtes für Migration ausgewiesen, waren also Flüchtlinge. Ein gefundenes Fressen also für Leute, die Flüchtlinge sowieso noch nie ausstehen konnten, wenigstens solange man ignoriert, dass »kontrollierte Person« ja weder »Täter« noch auch nur »Tatverdächtiger« heißt – vor allem nicht für jene Taten, von denen die Polizei offenbar auch erst später erfahren hat. Ob die Tatsache, dass offenbar mehrere gestohlene Mobiltelefone in oder in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften geortet wurden etwas über die Täterschaft der dortigen Bewohner aussagt oder vielleicht eher über die Ströme von Hehlerware, kann ich nicht beurteilen. Dass jedenfalls die Wahrscheinlichkeit, dass ein Handy eher aus dubiosen Quellen stammt als vom Media Markt, bei mittellosen Flüchtlingen vielleicht etwas höher ist als bei der Durchschnittsbevölkerung, halte ich nicht für undenkbar. Aber wie gesagt, ich kann das nicht ermessen. Ich bin mir aber ganz sicher, dass ich sexuelle Übergriffe oder gar Vergewaltigungen schlimmer finde, als ein paar geklaute Telefone. Und inwieweit zwischen den Taten ein Zusammenhang besteht, ist nach heutiger Nachrichtenlage ja wohl zumindest unklar.

Und eigentlich, das sagte ich ja eingangs, wollte ich mich zu den Geschehnissen selbst mangels näherer Informationen ja auch gar nicht äußern. Interessant wird es beim Umgang damit. Was die juristische Seite angeht (Stichwort: Strafverschärfung, schnellere Abschiebung) bringt es Bundesrichter Thomas Fischer in der aktuellen Ausgabe seiner Rechtskolumne in der ZEIT mal wieder auf den Punkt – wenn auch wie immer recht zynisch.

Eine lange Diskussion in meinem Freundeskreis brachte uns dieses Video von Serge Nathan Dash Menga ein, der sich in seiner Eigenschaft als in Essen lebender Deutscher mit kongolesischer Herkunft an diejenigen in Deutschland lebende Ausländer wendet, die sich nicht benehmen können (»Die, die sich benehmen, brauchen sich nicht angesprochen zu fühlen.«):

Das Video wurde mittlerweile über 5 Millionen mal angesehen (nicht mitgerechnet die Re-Posts diverser Nachrichtenportale, die den Clip flugs selbst online gestellt haben). Und zunächst einmal klingt das alles plausibel und richtig: Serge erzählt, warum er sich in Deutschland wohlfühlt und fordert im Wesentlichen die Minderheit krimineller Ausländer auf, »nach Hause« zu gehen, wenn es ihnen denn hier nicht gefalle. Das, was jene sich herausnähmen (gemeint sind sexuelle Übergriffe), würde »im Grunde genommen das Ansehen aller in Deutschland lebenden Ausländer besudeln«.

Mit der Einschätzung, dass das Ansehen von völlig friedlich in Deutschland lebenden Ausländern (und damit meint er offenbar auch solche, die wie er auf dem Papier Deutsche sind, aber halt so aussehen), hat Serge zweifellos recht. Und natürlich ist sein Zorn verständlich, und ich wäre der letzte, der ihm abspricht, das in einem Video zu äußern. Trotzdem halte ich das Video inhaltlich für hochproblematisch – und habe es deshalb bislang auch nicht auf Facebook oder Twitter geteilt. Im Wesentlichen sehe ich folgende Probleme:

  1. Dass alle oder die meisten der Täter in Köln Ausländer oder gar Flüchtlinge waren, ist keinesfalls gesichert, und schon gar nicht war es das am 7. Januar, als Serge Menga seine Videobotschaft postete. Dadurch, dass er die unklaren Fakten als gegeben hinnimmt, reproduziert er aber auch die Vorurteile gegenüber »diesen kriminellen Ausländern«. Das tut er sicherlich nicht mit Absicht, und deshalb kann man ihm das auch nicht vorwerfen, aber der Effekt bleibt trotzdem. Und selbst wenn die übergriffigen jungen Männer aus Köln alle »Ausländer« in der weiten Definition von Serge (also sozusagen nordafrikanisch oder arabisch aussehende Menschen, möglicherweise mit deutschem Pass) gewesen sein sollten: Wohin soll denn ein vielleicht in Köln oder Düsseldorf geborener Migrant der zweiten Generation »nach Hause« gehen?
  2. Sexuelle Übergriffe, darunter möglicherweise auch Vergewaltigungen, werden zu »sich nicht benehmen können« verharmlost, ausgeübt von Männern, die »nicht die Eier in der Hose haben« oder »so hässlich wie die Nacht sind, dass sie eine Frau nicht auf normale Art und Weise kennenlernen können«. Tatsächlich kommen sexuelle Übergriffe quer durch die Gesellschaft und sicher auch bei gut aussehenden Männern vor. Und bei allem, was über Silvester in Köln berichtet wurde: Ich kann mich nicht erinnern, bisher auch nur einmal gehört zu haben, dem »Mob junger Männer« sei es um das Kennenlernen von Frauen gegangen.
  3. Wenn Serge die tolle Lebenssituation für Ausländer in Deutschland anpreist, dann mag er für sich sprechen, aber vielleicht nicht für diejenigen, die er eigentlich ansprechen will. Wer seinen Lebensunterhalt damit verdient, am Kölner Hauptbahnhof Handys und Geldbörsen zu klauen, der mag zwar dem politischen Schweinesystem in seinem Herkunftsland entgangen sein, aber gehört zweifellos nicht zu den ›Migrationsgewinnlern‹. Auch wenn es in Köln zu sexueller Gewalt gekommen ist, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Täter vorher zusammengesessen haben bis dann einer sagte: »Hey, lass mal zum Hauptbahnhof gehen, Frauen begrapschen!« Die waren da zum Arbeiten, die Arbeit heißt Taschendiebstahl (oder vielleicht: Raub), und den Job macht niemand freiwillig, der auch einen vernünftigen Job haben könnte.
  4. Aber vielleicht machen ›diese Ausländer, die sich nicht benehmen können‹ das ja doch freiwillig? Dann aber bricht Serges nächster Punkt in sich zusammen: »Wenn Deutschland doch so beschissen ist«, dann mögen die, die das finden, doch bitte nach Hause gehen. Aber wo bitte sind denn diese Ausländer/Migranten, die dieser Meinung sind? Ich habe noch keinen getroffen, und das obwohl die Lebensverhältnisse für viele Refugees in Deutschland tatsächlich beschissen sind.

Wie gesagt, ich kann Serges Ärger verstehen und er darf dem auch gerne Luft machen. Ich würde mir aber – gerne auch von anderer Seite, vielleicht von den Millionen Menschen, die das Video geteilt haben – etwas wünschen, das über ein einfaches »Wenn’s dir nicht gefällt, dann geh’ doch nach Hause« hinausgeht. Denn wenn es uns hier so nicht gefällt – und mir gefallen weder sexuelle Übergriffe, noch Taschendiebstahl, noch miserable Lebenssituationen – dann sollten wir statt wegzulaufen lieber etwas daran ändern. Beim Thema Sex etwa geht das zum Beispiel so:

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Am 2. September wurde am Strand von Bodrum in der Türkei die Leiche des dreijährigen Aylan (bzw. Alan) Kurdi angespült. Ein Foto, das das syrische Flüchtlingskind tot am Strand liegend zeigt, aufgenommen von der Bodrumer Pressefotografin Nilüfer Demir, geht seitdem um die Welt und hat eine Diskussion über die Frage entfacht, ob es ethisch in Ordnung ist, so ein Foto zu veröffentlichen. Bereits einige Tage zuvor hatte ein Foto von zusammengepferchten Leichen in einem LKW, das die Kronenzeitung nach dem Flüchtlingsdrama auf der österreichischen Ostautobahn gedruckt hatte, für Beschwerden beim Presserat gesorgt. Doch auch wenn das Foto des toten Jungen im Vergleich zu dem offenbar aus Polizeikreisen geleakten Bild aus Österreich einen fast schon friedlichen Anblick bietet, verstört es viele Menschen aufgrund der Wucht, mit der es vor Augen führt, was die Implikationen der europäischen Flüchtlingspolitik sind.

Gerade wegen dieser Wucht wurde in den letzten Tagen vielfach argumentiert, ein solches Foto sei den Lesern nicht zuzumuten. Oder wenn, dann wenigstens nicht ohne eine Art Triggerwarnung – wie es etwa das BILDblog bei seiner Berichterstattung zu der Kontroverse macht. Andere wägen ab zwischen den Unannehmlichkeiten für die psychische Verfassung des Betrachters einerseits und den Chancen auf eine asylfreundliche Meinungsbildung andererseits. Also sozusagen: Wenn nur genügend Leute von dem Foto geschockt sind, wird es zu einem Umdenken in der europäischen Flüchtlingspolitik kommen. Und tatsächlich mag die Tatsache, dass den derzeit aus Ungarn einreisenden Flüchtlingen eine Welle der Solidarität entgegenschlägt, mit dem Foto oder wenigstens dem Tod von Aylan Kurdi zusammenhängen. Wieder andere halten genau diese Denkweise für verwerflich, weil das Foto gewissenlos zur Meinungsmache ausgeschlachtet werde. Ich erspare den Lesern die Vielzahl von Links zu den geäußerten Meinungen – im oben genannten BILDblog-Artikel ist das alles bereits bestens dokumentiert. (Was die Fotografin übrigens zu dem Thema sagt, gibt es hier zu lesen.)

Doch all diese Abwägungen gehen meiner Ansicht nach in die falsche Richtung: Denn die Unbilden beim Betrachten des Fotos tun nichts zur Sache.

Man kann natürlich darüber reden, ob das Persönlichkeitsrecht des Kindes oder das seiner Familie betroffen ist, aber eine Selbstzensur, die einzig und allein auf das Heile-Welt-Gefühl des Betrachters Rücksicht nimmt, halte ich für falsch. Natürlich kann jedes Medium, ob klassische Presse oder Blog, entscheiden, was veröffentlicht wird. Natürlich kann man sagen: Ich möchte das meinen Lesern nicht zeigen. Genauso kann man ja auch sagen: Ich möchte über dieses Thema nicht berichten. Aber diese Entscheidung sollte stets eine journalistische und keine opportunistische sein. Als journalistisch arbeitendes Medium hat man die Aufgabe, Informationen für die Leserschaft aufzubereiten. Wer aber dabei gar zu sehr auf Befindlichkeiten seiner Leser Rücksicht nimmt, ist keinen Deut besser als jemand, der auf Befindlichkeiten der Anzeigenkunden Rücksicht nimmt.

Ich weiß, das alles klingt sehr harsch. Deshalb muss ich wohl klarstellen, dass es mir nicht primär darum geht, die Entscheidung gegen eine Veröffentlichung dieses Fotos als solche zu kritisieren. Auch ich selbst sehe von einer Veröffentlichung ab, wenngleich praktischerweise mit der Begründung, dass ich nicht die nötigen Rechte an dem Bild habe. Nein, es geht mir mehr darum, dass ich davor warnen möchte, die eigene journalistische Freiheit an den Massengeschmack zu verkaufen.

Und es geht ja nicht nur um die journalistische Freiheit, sondern generell um das Recht, Dinge zu publizieren. Dieses Recht ist in Deutschland relativ weitgehend. Gar nicht veröffentlicht werden darf eigentlich nur volksverhetzendes und kinderpornographisches Material sowie Dinge, die fremde Persönlichkeitsrechte beschneiden (namentlich seien hier das Recht am eigenen Bild sowie (in verschiedenen Abstufungen) Beleidigungen/„Ehrverletzungen“ genannt). Das meiste andere unterliegt zwar gegebenenfalls den Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes, ist aber grundsätzlich erlaubt.

Fast genauso wichtig wie die rechtliche Situation aber ist das, was gesellschaftlich akzeptiert ist. Auch in den USA beispielsweise darf man – zumindest im Prinzip – nackte weibliche Brüste zeigen oder das Wort „fuck“ benutzen. Trotzdem wird man in durchschnittlichen Hollywood-Produktionen eher auf zerfledderte Leichen als auf Brustwarzen stoßen. Und trotzdem ist es nicht unüblich, das böse F-Wort (und natürlich das böse C-Wort) „auszubleepen“ oder – in der Schriftform – durch entsprechende Auslassungen à la „f**k“ zu ersetzen. Offenbar ist es zwar in Ordnung, das Pejorativum „cunt“ zu denken und zu meinen (und in der entsprechenden Peergroup auch zu sagen), aber nicht in Ordnung, es zu senden oder zu schreiben.

Die augenblickliche Debatte um den Umgang von Facebook mit volksverhetzenden Postings einerseits (nämlich: ignorieren) und solchen mit Fotos von weiblichen(!) Brustwarzen andererseits (nämlich: löschen), führt anschaulich vor Augen, wie inkompatibel unterschiedliche Moralvorstellungen sein können. Aber sie zeigt auch, wo die Reise hingeht: Zurück nämlich zu einer verklemmten Gesellschaft, die das Wohlfühlgefühl des Rezipienten über alles stellt. Denn wenn Facebook Tittenfotos löscht, dann geht es dem Konzern ja nicht darum, etwas gegen die Reduzierung von Frauen auf das Äußere oder dergleichen zu unternehmen. Es geht um die comfort zone der User (und die der Werbetreibenden). Wären Flüchtlinge eine ernstzunehmende Zielgruppe für Anzeigenkunden in Deutschland – was meint Ihr, wie lange würde es wohl dauern bis Facebook volkshetzende Postings löschen würde?

„Wir dürfen davor nicht die Augen verschließen‌…“, ist eine Phrase, die gerne dann zu hören ist, wenn Politikern kein sinnvoller Debattenbeitrag einfallen will, aber trotzdem Betroffenheit gezeigt werden soll. Wichtiger aber ist, dass die Dinge, vor denen man die Augen verschließen könnte, nicht schon vorher unsichtbar gemacht werden. Nein, man muss sich nicht alles Elend dieser Welt 24 Stunden am Tag ununterbrochen reinziehen. Aber die Filterung hat im Endgerät stattzufinden (Stichwort: Medienkompetenz).

Oder wie es der großartige Comedian George Carlin einst in Hinblick auf die Zensurbestrebungen von Donald Wildmon sagte: „Well, Reverend, did anyone ever tell you there are two KNOBS on the radio? (…) One of them turns the radio OFF, and the other one – CHANGES THE STATION!“

Mehr bloggen

Im Jahre 2015 muss man eigentlich niemandem mehr erklären, was ein Blog ist und wie das funktioniert. Also eigentlich müsste man das schon, denn zeitweise glaubten ja selbst gewisse bundesweit erscheinende Regionalzeitungen, ein (oder gar mehrere) Blog(s) zu haben, wenn sie längliche Lokalartikel, die es nicht in die Print-Ausgabe geschafft hatten, in ihr CMS schmissen (inzwischen ist das Wort „Blog“ aus der Außenkommunikation verschwunden). Aber, nun gut, vielleicht ändert sich die Definition ja auch einfach, vielleicht ist es – ob uns das passt oder nicht – zu einer Diversifizierung gekommen. Ich will mich da gar nicht streiten.

Was man aber im Jahre 2015 wohl doch immer noch erklären muss, ist, warum man so etwas macht. Es gibt Facebook, es gibt Twitter – wie das funktioniert, müsste man allerdings in der Tat manchen Leuten erklären –, und es gibt auch noch so Dinge wie Instagram, von denen selbst ich nicht weiß, wofür man die eigentlich braucht. Allen diesen Diensten ist indessen gemein, dass all die schlauen oder weniger schlauen Gedanken und gelungenen oder weniger gelungenen Bilder, einmal gepostet, der eigenen Kontrolle entzogen sind. Ich meine damit nicht, dass Dinge, die einmal in diesem Internet gelandet sind, dort nie wieder zu löschen sind – das ist unabhängig von der Publikationsform so und hängt einfach mit dem Wesen digitaler Daten zusammen. Es ist eher das Gegenteil: Wer garantiert mir, dass Facebook nicht übermorgen irgendwelche Fotos von mir löscht oder gar gleich den ganzen Account, weil ich mich an irgendwelche „Gemeinschaftsstandards“ nicht gehalten habe? Wer weiß, ob die ohnehin schon miserable Suchfunktion im eigenen Aktivitätenprotokoll vielleicht demnächst ganz abgeschaltet wird?

Dienste wie Facebook vereinnahmen Inhalte im Netz für sich. Klar, man kann Links zu Webseiten posten, aber der „Facebook way“, sich als Leser damit auseinanderzusetzen, ist es, die Seite auf Facebook zu liken, auf Facebook zu kommentieren und auf Facebook zu teilen. Der iranische Blogger Hossein Derakhshan, der wegen Blasphemie, Propaganda gegen die islamische Regierung, Kollaboration mit feindlichen Regierungen und dem Betreiben einer obszönen Website sechs Jahre lang im Gefängnis saß, hat kürzlich einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben, wie sich die Netzwelt zwischen November 2008 und November 2014 verändert hat.

Die Idee, gewissermaßen die Hoheit über die eigenen geistigen Ergüsse zurückzuerobern, ist freilich nicht neu. Blogger-Kollege Martin Jungmann hat vor über drei Jahren – angeregt durch den flammenden Appell von Deutschlands Über-Blogger Sascha Lobo auf der Re:publica 12 – mit mehr oder weniger der gleichen Begründung mit dem Bloggen angefangen. Und Alexander Morlangs Ideen zum „web 2.1“ gingen thematisch in die gleiche Richtung. Aber es geht ja auch gar nicht darum, neu oder originell zu sein. Es geht darum, es endlich zu tun.

Technisch gesehen blogge ich seit über zehn Jahren. Also das heißt: Ich benutze seit Jahren die Software WordPress und veröffentliche damit Dinge im Netz. Aber auch wenn manches davon blogähnlich sein mag, habe ich WordPress doch eher als (schreckliches aber) erträgliches CMS benutzt, beispielsweise bei der Kiez und Kneipe, der ich 2009 zu einem etwas zeitgemäßeren Webauftritt verholfen habe, oder bei der Webseite des Carpathia Verlags. Doch jede Anpassung an Dinge, für die WordPress zumindest ursprünglich nicht gemacht war, hat mich auch jedes Mal daran erinnert, dass es Zeit ist, es mal wieder mit dem Bloggen zu versuchen.

All das heißt natürlich nicht, dass ich Facebook und Twitter den Rücken kehren werde. Aber Ihr könnt Euch schon mal darauf gefasst machen, demnächst auch mal längere Texte von mir zu lesen. Zumindest hier, wenn Ihr denn wollt.